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2. ACHTSAMKEIT ALS ERFOLGSELEMENT IN UNTERNEHMEN Theoretische Grundlagen zur Achtsamkeit

Aktualisiert: 11. Sept. 2021

In diesem Kapitel meiner Bachelorarbeit beleuchte ich die theoretischen Grundlagen und die Wissenschaft hinter dem Konzept der Achtsamkeit. Der erste Unterabschnitt des Kapitels behandelt die Definition und begriffliche Abgrenzung.




“Of all the meditative wisdom practices that have developed in traditional cultures throughout the world and throughout history, mindfulness is perhaps the most basic, the most powerful, the most universal, among the easiest to grasp and engage in, and arguably, the most sorely needed now. For mindfulness is none other than the capacity we all already have to know what is actually happening as it is happening.” (Kabat-Zinn, 2015, S.1481).

Dem Achtsamkeitsbegriff liegen vielfältige Definitionen zugrunde, welche zum Teil durch unterschiedliche Schwerpunkte oder Fachbegriffe geprägt sind. In dieser Arbeit wird zusätzlich zu der Definition individueller Achtsamkeit das Konzept der organisationalen Achtsamkeit definiert. Für die begriffliche Abgrenzung und Herleitung der Definition, die Begründung der Auswahl sowie weitere, abweichende Definitionen des Begriffs der Achtsamkeit sei hier noch einmal auf die vorbereitende Arbeit verwiesen (Doucet, 2020, S. 8-12).


Für diese Arbeit wird der Achtsamkeitsdefinition von Jon Kabat-Zinn gefolgt, die als Grundlage für das überwiegende Gros der Achtsamkeitsforschung dient (u.a. Amberg, 2016; Baer et al., 2006; Brown et al., 2007; Carmody & Baer, 2008; Chang-Gusko et al., 2019; Glasenapp, 2018). Diese Definition stellt das Konzept der individuellen Achtsamkeit auf vollständige, konsistente und verständliche Art dar:

„Achtsamkeit bedeutet, die Aufmerksamkeit absichtsvoll auf den gegenwärtigen Moment zu lenken und dabei zu versuchen, alle aufkommenden Empfindungen und Erfahrungen wertungsfrei mit einer möglichst großen inneren Offenheit bewusst wahrzunehmen.“ (Kabat-Zinn, 2003, S. 145).

Zusätzlich zu der Definition ist es für ein umfassendes Verständnis hilfreich, eine Abgrenzung zum Gegenteil der Achtsamkeit vorzunehmen - zur Unachtsamkeit. Dieser Zustand zeichnet sich durch das Wandern des Geistes bzw. der Gedanken aus, häufig „Autopilot-Modus“ genannt (Amberg, 2016; Chang-Gusko et al., 2019; Heidenreich et al., 2018). Weitere Erkennungszeichen einer unachtsamen Haltung sind Multitasking (Hölzel & Braun, 2017), Bewertungen aller Art (Amberg, 2016), das Abschweifen der Gedanken in Zukunft oder Vergangenheit, Tagträume, Grübeleien und das sogenannte „Gedankenkarussell“ (Amberg, 2016; Chang-Gusko et al., 2019; Heidenreich et al., 2018). Der Moment, in dem diese unachtsamen Zustände wahrgenommen werden und der wandernde Geist bewusst in die Gegenwart zurückgeholt wird, ist wiederum ein achtsamer Moment (Hehn & Hehn, 2018).


Diese individuelle Achtsamkeit befasst sich vorrangig mit Bewusstseinsbildungs- und Wahrnehmungsprozessen. Im Gegensatz dazu wird organisationale Achtsamkeit nicht als mentaler, intrapsychischer und kognitiver Prozess verstanden, sondern als sozialer und dynamischer Prozess (Gebauer & Brückner, 2018; Iwers & Schulte, 2018; Soucek et al., 2018). Kollektive Achtsamkeit - dieser Terminus wird synonym zu organisationaler Achtsamkeit verwendet - ist zudem eine relativ stabile Eigenschaft (Vogus & Sutcliffe, 2012) bzw. Fähigkeit (Heidenreich et al., 2018; Soucek et al., 2018) einer Organisation. Diese Fähigkeit einer Gruppe oder Organisation zeichnet sich durch die frühzeitige Wahrnehmung wichtiger Details und aufkommender Bedrohungen, sowie die rechtzeitige Erkennung und angemessene Korrektur von Fehlern aus (Heidenreich et al., 2018; Soucek et al., 2018). Dabei stellt die kollektive Achtsamkeit nicht die Summe oder das Resultat einzelner achtsamer Individuen dar (Gebauer & Brückner, 2018; Soucek et al., 2018), sondern fokussiert sich auf die Gestaltung von Interaktionsmustern und Sinnbildungsprozessen zwischen Personen (Gebauer & Brückner, 2018). Kollektive Achtsamkeit entsteht insofern erst durch die Interaktion achtsamer Individuen miteinander.


Vogus und Sutcliffe (2012) beschreiben die Achtsamkeit einer Organisation als eine Qualität der vorherrschenden Unternehmenskultur, welche ein Resultat aus unternehmerischen Strukturen und Praktiken darstellt, die von der Unternehmensführung implementiert werden. Beispiele hierfür sind die Erweiterung der Handlungs- bzw. Tätigkeitsspielräume (capacity of action) der Mitarbeitenden oder die Aufforderung zu einer offenen, weiten Denkweise (rich thinking) durch die Führungskräfte.


Organisationale Achtsamkeit als dynamischer und sozialer Prozess umfasst nach Soucek et al. (2018) fünf Prinzipien:

1. Die kontinuierliche Beschäftigung mit Fehlern,

2. ein fortlaufendes Hinterfragen bestehender Annahmen und eine Abneigung gegen vereinfachende Interpretationen,

3. eine ausgeprägte Sensibilität für betriebliche Abläufe,

4. die Akzeptanz und das Verständnis von Rückschlägen als Gelegenheit zum Lernen und zu flexibler Ausrichtung und letztlich

5. den Respekt vor fachlichem Wissen und Können (Soucek et al., 2018, S.131).

Im Ergebnis führen diese Prinzipien zu organisationalen Antizipations- und Resilienzfähigkeiten, die die Voraussetzungen zur Vorbeugung und Bewältigung von Krisen sind und über die Möglichkeiten einzelner, achtsamer Personen hinausgehen (Gebauer & Brückner, 2018; Soucek et al., 2018).


Trotz der genannten Unterschiede bestehen zwischen individueller und kollektiver Achtsamkeit auch deutliche Überschneidungen. In beiden Fällen ist eine erhöhte Aufmerksamkeit für den gegenwärtigen Moment hochrelevant, vorschnelle Urteile und Bewertungen sollen vermieden werden, angemessene und flexible Reaktionen werden gefördert, es entsteht eine neue Wahrnehmung und im Ergebnis wird Komplexität reduziert (Gebauer & Brückner, 2018; Iwers & Schulte, 2018).


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